
Als die Mauer fiel, habe ich mir gerade die Zähne geputzt. Ich weiß das vor allem deshalb noch, weil es ziemlich genau die Worte meiner Mutter waren. “Wenn Dich später mal jemand fragt”, hatte sie durch die Badezimmertür gesagt, “dann wirst Du sagen, dass Du Dir die Zähne geputzt hast, als die Mauer gefallen ist.”
Ich kann mich nicht genau erinnern, ob mir die Tragweite der Nachricht bewusst war, die meine Eltern da in der Tagesschau gesehen hatten und die meine Mutter mir noch beim Zähneputzen weiter getragen hatte. Ich war gerade zehn Jahre alt geworden und lebte in Wuppertal, tief im Westen der Bundesrepublik. Mein Vater hatte beruflich mit der DDR zu tun, doch da ich selbst nie dort gewesen war, und meine Familie “drüben” auch keine Verwandtschaft hatte, fiel es mir mir schwer, einen persönlichen Zugang zu dieser Nachricht zu finden.
Zwar hatte meine Lehrerin in der zweiten oder dritten Klasse mal eine deutsch-deutsche Brieffreundschaft mit einer Schule in Schwerin initiiert. Erinnern kann ich mich aber höchstens an einen oder vielleicht zwei inhaltsleere Briefe, bevor der Kontakt wieder einschlief. Für mich persönlich hatte sich die DDR statt dessen vor vor allem in Gestalt eines Schwimmtrainers manifestiert, der Mitte der 1980er Jahre “rüber gemacht” hatte und mich seitdem drei Mal die Woche durchs Becken scheuchte. Dieses andere, fremde Deutschland zeigte sich hier aber höchstens in den zum Teil eigenwilligen Trainingsmethoden.
Was der Mauerfall wirklich bedeutete, habe ich erst einige Jahre später begriffen. Mit meinem Vater war ich Mitte der 1990er-Jahre nach Berlin gefahren, wo wir unter anderem das Museum am früheren Checkpoint Charlie besuchten. Dass Menschen ihr Leben riskierten, um ihre Heimat zu verlassen, beeindruckte mich so sehr, dass ich danach anfing alles zu lesen, was zur DDR und zum Mauerfall geschrieben worden war.
Man könnte sagen, mir hat sich die Bedeutung der Wende erst rückwirkend erschlossen. Allerdings klingt das dann so, als wäre ich ein Einzelfall gewesen. Dabei bin ich fast sicher, dass ein großer Teil der Menschen in Ost wie in West erst nach und nach begriffen hat, was dieser 9. November 1989 eigentlich bedeutet hat.
Felix Neubüser, 29 Jahre alt, Volontär