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Wie haben Sie Wende erlebt? In diesem Blog berichten Mitarbeiter von suedkurier.de von ihren Erinnerungen an die Wende vor 20 Jahren.  Das Jahr 1989 ist das Geburtsjahr mancher Praktikanten, andere studierten damals schon. Viele hatten Verwandtschaft in der ehemaligen DDR oder sind dort geboren. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse rund um das Thema “Wende und Wiedervereinigung” schildern sie in diesem Blog.

Ihre eigenen Erlebnisse sind daher in diesem Blog willkommen! Diskutieren und schreiben Sie mit!

Ihre Online-Redaktion

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 9. November 1989, da war ich 13 Jahre alt, lebte in Mittelhessen und war ziemlich aufgeregt, dass die Mauer fiel. Tage zuvor und danach verpasste ich keine Nachrichtensendung im Fernsehen, um sie auf VHS-Kassette mit dem Videorekorder aufzuzeichnen. Ich wusste, da passiert was unglaubliches, das will ich festhalten. Während Millionen Ostdeutsche sich von Ihrer Vergangenheit lösten, wollte ich also den Moment festhalten, der später als „friedliche Revolution“ in den Geschichtsbüchern auftauchen sollte.

15 Jahre später lebte ich für ein Jahr in Berlin im Szene-Kiez Prenzlauer Berg, recht nah an der Bornholmer Brücke. Die Brücke, auf die Tausende Berliner am 9. November 1989 drängten, um nach Westberlin zu kommen. Hier lagen sich Ost- und Westdeutsche zuerst in den Armen. Über genau diese Brücke führte mich mein Weg mit dem Umzugswagen, als ich mich vor viereinhalb Jahren auf machte nach Konstanz an den Bodensee: Mein Weg in den Süden.

 

Markus Bechtold, 33 Jahre alt, Online-Redakteur

Sommer 1988. Urlaub im Erzgebirge. “Was , ihr macht Urlaub in der DDR?” wurden meine Eltern damals ungläubig von Freunden und Verwandten gefragt. Das klang in etwa so wie “Was, ihr macht Urlaub auf dem Mars?” Verstanden habe ich das damals, mit sieben Jahren, nicht. Doch als wir dann nachts mit unserem alten Opel Kadett an der ostdeutschen Grenze standen, kam auch mir die ganze Sache ein bißchen komisch vor. 

Ein drahtiger Zöllner forderte meine Eltern in militärischem Ton auf, auszusteigen. Meine kleine Schwester, sie war vielleicht zwei oder drei, schlief neben mir im Kindersitz. Plötzlich waren Mama und Papa weg. Und die Zöllner machten sich am Kofferraum zu schaffen. Dann mussten auch wir aussteigen. Koffer und Taschen wurden geöffnet. Ein bellender Schäferhund schnupperte an den Reifen. Ich an Papas Hand, meine Schwester in Mamas Armen. Der rosa Kinderkoffer. “Aufmachen!” befahl der Zöllner, Wächter dieses komischen Landes. Wächter der DDR. Aber das ist doch nur der Kinderkoffer, da sind doch nur die Kuschelkatzen drin, dachte ich damals. Gesagt habe ich es nicht. Als ob ich geahnt hätte, dass man in diesem Land manchmal besser schweigt. Außer den Kuschelkatzen haben die Zöllner nichts gefunden.

Der Urlaub selbst wurde noch schön. Sommerwiesen, lustige Kinderbücher zu Spottpreisen, Wirtschaften, in denen es nur ein Gericht zu bestellen gab und der Gurkensalat mit Zucker angemacht war, DDR-Cola, DDR-Kinder, die komische Uniformen trugen und noch komischere Lieder sangen, Erzgebirge-Idylle bei Familie Fichter.

Noch im Winter 1989 kam Familie Fichter uns besuchen. Endlich durften sie “rübermachen”. Die Koffer blieben an der Grenze zu. Den komischen Zöllner gab es nicht mehr.

Sabine Strauß, 27, Online-Redakteurin

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Als die Mauer fiel, habe ich mir gerade die Zähne geputzt. Ich weiß das vor allem deshalb noch, weil es ziemlich genau die Worte meiner Mutter waren. “Wenn Dich später mal jemand fragt”, hatte  sie durch die Badezimmertür gesagt, “dann wirst Du sagen, dass Du Dir die Zähne geputzt hast, als die Mauer gefallen ist.”

Ich kann mich nicht genau erinnern, ob mir die Tragweite der Nachricht bewusst war, die meine Eltern da in der Tagesschau gesehen hatten und die meine Mutter mir noch beim Zähneputzen weiter getragen hatte. Ich war gerade zehn Jahre alt geworden und lebte in Wuppertal, tief im Westen der Bundesrepublik. Mein Vater hatte beruflich mit der DDR zu tun, doch da ich selbst nie dort gewesen war, und meine Familie “drüben” auch keine Verwandtschaft hatte, fiel es mir mir schwer, einen persönlichen Zugang zu dieser Nachricht zu finden.

Zwar hatte meine Lehrerin in der zweiten oder dritten Klasse mal eine deutsch-deutsche Brieffreundschaft mit einer Schule in Schwerin initiiert. Erinnern kann ich mich aber höchstens an einen oder vielleicht zwei inhaltsleere Briefe, bevor der Kontakt wieder einschlief. Für mich persönlich hatte sich die DDR statt dessen vor vor allem in Gestalt eines Schwimmtrainers manifestiert, der Mitte der 1980er Jahre “rüber gemacht” hatte und mich seitdem drei Mal die Woche durchs Becken scheuchte. Dieses andere, fremde Deutschland zeigte sich hier aber höchstens in den zum Teil eigenwilligen Trainingsmethoden.

Was der Mauerfall wirklich bedeutete, habe ich erst einige Jahre später begriffen. Mit meinem Vater war ich Mitte der 1990er-Jahre nach Berlin gefahren, wo wir unter anderem das Museum am früheren Checkpoint Charlie besuchten. Dass Menschen ihr Leben riskierten, um ihre Heimat zu verlassen, beeindruckte mich so sehr, dass ich danach anfing alles zu lesen, was zur DDR und zum Mauerfall geschrieben worden war.

Man könnte sagen, mir hat sich die Bedeutung der Wende erst rückwirkend erschlossen. Allerdings klingt das dann so, als wäre ich ein Einzelfall gewesen. Dabei bin ich fast sicher, dass ein großer Teil der Menschen in Ost wie in West erst nach und nach begriffen hat, was dieser 9. November 1989 eigentlich bedeutet hat.

Felix Neubüser, 29 Jahre alt, Volontär

img_6313_nr-5-largeWir hatten Verwandte in der DDR. Es gehört zu meinen Kindheitserinnerungen, dass wir in regelmäßigen Abständen Pakete an die Verwandtschaft “drüben” schnürten - mit Kaffee und Schokolade, Kleidung und Spielzeug für die Kinder. Ich fand das immer schön und gruselig zugleich - es war, als würde man hoffnungslos Verlorenen kleine Aufmunterungen machen. Wir wurden kreativ darin, D-Mark-Scheine zu verstecken - in der Verpackung von Schokoladentafeln, im Saum einer Jacke.  Von “drüben” kam dann immer ein Dankesbrief zurück mit Schilderungen eines Alltags, der sich erstaunlicher Weise gar nicht so von unserem unterschied. In Erinnerung ist mir immer noch die gestochene, wie gedruckt wirkende Handschrift dieser Briefe.

Als die Mauer fiel, hörte das Pakete-Packen auf.  Dafür kam, zum ersten Mal, ein Paket von “drüben”, das jetzt gar nicht mehr “drüben” war. Drinnen waren, vielfach eingepackt, zwei faustgroße, farbig besprühte Brocken Beton. Unsere Verwandten waren in Berlin gewesen, als die Mauer fiel. Und haben mit zwei Klumpen Stein fühlbare Beweise für den Lauf der Dinge für uns aus der Mauer gebrochen. Ich fand das eine starke Geste, schon damals. Von den Verwandten habe ich dann nichts mehr gehört - oder kann mich nur nicht mehr erinnern. Die bunten Brocken bleiben.

Sebastian Pantel, 29 Jahre alt, Online-Redakteur

Das war der wilde Osten...Als die Mauer fiel, war ich fünf Jahre alt. Erinnern kann ich mich daran nicht. Aus den Erzählungen meiner Eltern erfuhr ich, dass etwas ganz Besonderes geschehen sein musste. Etwas, das alles Vorstellbare sprengte. Meine Mutter hat die Zeitung vom “Tag danach” aufgehoben. Inzwischen zeugt sie schon von einer gewissen Patina. Verblichen, gelblich - vergessen? Nein, wohl eher verblasst.

Meine Erinnerungen an die Wende beschränken sich  auf Filme wie “Go Trabi Go”. Der Road-Trip von Bitterfeld nach Italien begleitet von Goethe und einem, mal mehr mal weniger, treuen Trabant mit dem goldigen Namen “Schorschi” bleibt unvergessen. Otfried Fischer als Inbegriff der westdeutschen Mentalität quartiert die ostdeutsche Verwandtschaft, die sich auf der Durchreise nach Italien befindet, kurzerhand in einem Wohnmobil im heimischen Garten ein. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, habe ich das nicht so recht verstanden. Was wäre so schlimm daran gewesen, den lieben Verwandten - wenn sie auch aus dem “wilden” Osten kamen - Unterschlupf in den eigenen vier Wänden zu gewähren? Klar, mit sieben Jahren versteht man diese Ironie noch nicht - doch irgendwie ist mir diese Szene im Hinterkopf geblieben.

Bis heute ist diese stereotypische Betrachtungsweise nicht aus den Köpfen verschwunden. Oft noch findet die Einteilung in “Ossis” und “Wessis” statt. Wo ich schon von meinen kindlichen Eindrücken zur Wende vor 20 Jahren und von Vorurteilen schreibe, schließe ich mit einem Zitat von Wolf Biermann ab:

“Wir müssen wie die Kinder reden, wenn wir überleben wollen. Die Blauäugigen waren es seit je, die neue Wege fanden, nicht die Verblendeten.”


Susanne Gilg, 25 Jahre alt, Volontärin